Ein Tag

Heute war ein Besuch auf dem unbequemsten aller Stühle angesagt. Geplant gleich zum Einstieg in den Tag. Der jährliche Küchencheck.

Anstatt meinen normalen Arbeitsweg musste ich nach Oerlikon. Anstatt wie sonst zu laufen, wählte ich den Bus. Anstatt wie sonst die Kopfhörer zu montieren und mich mit irgendwas schreiigem voll dröhnen zu lassen, lauschte ich abwesend der Umwelt. Ich stand brav im vollgerammelten Bus. Eine kleine harmlose, aber gefühlt endlos dauernde Station. Und entweder in den paar Fahrminuten oder beim heftigen Anrempler auf der Busstation, weil ich noch auf die Fahrverbindungstafel schielen musste, langten ein paar lange Finger in meine Handtasche und trennten mich von meinem nicht mal einjährigen, gehätschelt und getäschtelten weissen 16 GB iPhone 4s in pseudo-hipper-nobel-hop-Freitag-Hülle mit noch viel hipperem Lala-Message-Gelaskin-Plastik-Klebegewand. Denn als ich im Eingangsbereich zu dem unbequemsten aller Stühle auf ebendiesem Hätschel-tätschel-Teil was-weiss-ich prüfen wollte, war mein engster Begleiter nicht mehr da.

Nun denn. Nach dem kurzen Besuch auf dem Stuhl (danke, meiner Küche gehts blendend), ging ich zur Sicherheit nochmal heim. Ich war mir zwar 100% sicher, dass ich das Teil wirklich in die Handtasche gesteckt hatte, but you just never know. Es war nicht zu hause. Mhm… Die Magengrube verzieht sich. Mac gestartet und in der iCloud mein iPhone gesucht. Die iCloud meldet, dass mein iPhone offline sei. Auch Onkel Skype kann keine Verbindung herstellen. Mhm… Die Indizien verdichten sich.

Was nun? Ich rief meine Hausratsversicherung an. Vor meinem inneren Auge sah ich mich schon vor einem griesgrämigen Polizisten sitzen, der im Adlersystem ein dreiseitiges Formular ausfüllt und murmelt, ich müsse jetzt mindestens 24h warten bis die “Vermisstenanzeige” gültig sei. Aber nein. Flux wurde ich nach Model, Hülle und Tathergang gefragt, über den Selbstkostenbetrag von 200 CHF informiert und 10 Minuten später erhielt ich per Mail einen Link in einen Versicherungsonlineshop. Guthaben 553.10 CHF. Das verlorene Modell kann nachbestellt werden. Oder einfach für 550 Hebel geshoppt werden. Oder die Kohle wird überwiesen. Ok. Das ging ja irritierend einfach. Nicht mal eine Kaufbestätigung war gefragt.

Bekanntlich kommt am 28.9.2012 das “beste iPhone, dass es je gab” auf den Markt. Das ist in gut einer Woche. Eigentlich hatte ich mich entschieden, das Teil mal müde lächelnd auszulassen aber bei der Ausgangslage? “Neues Gadget” dröhnte es in meinem Gadgeteer-Hirn.

Mhm… aber vor dem Apple Store campen? Ne. Vor einem Jahr stand ich schon 2h in einer Schlange von 30 Leuten, inhouse, und mir wurden Wasserflaschen gereicht, damit ich nicht verdurste… Netterweise läuft mein Vertrag auch grad aus und mit zugegebenermassen leichter Freude bestelle ich mir das neue Teil (weiss, 32GB … man gönnt sich ja sonst nix).

Somit gilt es noch die gute Woche oder im wahrscheinlicheren Fall 1 Monat ohne Handy zu managen.

Eine Facebookumfrage ergibt noch 2 verfügbare 3GS. Demfall brauchts nur noch die SIM-Karte.

Sunrise Shop. Coop Bellevue. Wie immer wenn man in so einen Handyladen läuft, standen bereits 3 Leute an. Die Bedürfnisse der Kunden waren erheiternd, zogen sich aber unerwartet lang. Ich kam an die Reihe und schilderte meine Situation. Offensichtlich zu schnell. Der Satz “mein Handy wurde geklaut” wurde wohl so interpretiert, dass mein Handy geklaut worden war, ich aber meine SIM-Karte noch besitze (…). Die Sunrise-Schickse schlug vor, ich solle anstatt einer neuen SIM doch einen Adapter kaufen. Aus reichlich fadenscheinigen Gründen verwendet das iPhone 5 ja keine SIM, auch keine Micro-SIM. Nein es ist eine Nano-SIM. Es ging doch geschlagene 10 Minuten bis sie begriff, dass ich nix hab, um es in den Adapter zu stopfen. Aber der Punkt gilt trotzdem: nochmal 40 CHF für eine SIM ausgeben, wenn doch die Nano-SIM mit iPhone 5 eigentlich in einer guten Woche auf meinem Tisch liegen könnte?

Mutig entscheide ich mich für einen kleinen persönlichen Test: eine Woche ohne Handy.

Jaja. Was Lieferengpass? Was “oh mein Gott schon 2 Millionen iPhones wurden in den Staaten vorbestellt”? Pft. Marketinggedudel.

Ohne Handy. Was heisst das eigentlich genau? Privates Hauptkommunikationsmittel sind bei mir Facebook, Skype, SMS und Whatsapp. Davon fällt eigentlich nur SMS und Whatsapp ganz weg. Facebook und Skype sind den Grossteil des Tages möglich. Und muss man wirklich immer erreichbar sein? Natürlich schüttelt man hier den Kopf. Schonmal beobachtet, wieviele wirklich noch im Tram/Bus/Zug sitzen und einfach aus dem Fenster schauen?